FAZ: Die schwarzen Fäden seiner Melancholie

Jedes Bild ist ein Kommentar auf Bilder, die es schon gibt. Jede Malerin hat, wenn sie malt, Bilder im Kopf, die sie gesehen hat, die Hand malt nicht im luftleeren Raum und folgt nicht bloß Launen, Intuitionen, Ein- und Zufällen, sondern fährt auch entlang von unsichtbaren Konturen, die die Erinnerung an Formen, Atmosphären, Bewegungen des Körpers, an Erlebtes und Gesehenes hinterlassen.

Niklas Maak

Redakteur im Feuilleton.

Im Werk der 1969 geborenen Cecily Brown ist das deutlich zu spüren: Oft liegen bei ihr unter dem Dickicht von Farbwirbeln, die an amerikanische Nachkriegsmalerei, aber auch an den Heftigkeitsduktus von Francis Bacon oder Lucian Freud erinnern, detaillierte Studien von Werken der Kunstgeschichte. Man könnte von einer Überlagerungsstrategie sprechen, einem Sedimentmodell, das beginnt mit einer ersten Schicht, in der klassische Figuren etwa aus Renaissance- oder Rokokogemälden auf die Leinwand gebracht werden. In einem zweiten Akt wird die narrativ-gegenständliche Zeichnung dann übermalt mit einer expressiven Übersetzung der Inhalte dieser Vor-Bilder: Man sieht nicht die galanten Figuren von Fragonard, sondern abstrakte Bildformeln und Strudel, die das Erhitzte und Rauschhafte selbst darstellen.

Einer der Maler, mit denen sich Brown in den vergangenen Jahren befasst hat, ist Max Beckmann. So kam es zu der Idee, in Browns Berliner Galerie Contemporary Fine Arts (CFA) eine Ausstellung zu organisieren, die vor Augen führt, wie Kunstgeschichte in Gegenwartskunst aufgeht, auseinandergenommen, weitergedacht wird. Gezeigt sind Werke von Max Beckmann, allesamt Leihgaben aus Museen und Privatbesitz, darunter die „Walküre“ von 1948, ein Porträt der Opernsängerin Minna Tube, Beckmanns erster Frau, die er 1925 für Quappi verlassen hatte, mit der er aber zeitlebens in intensivem Kontakt stand: ein düsteres Bild, auf dem die noch junge Sängerin den Betrachter durch viele Jahrzehnte hindurch mit einer Mischung aus Sehnsucht, Unverständnis und Wut anzuschauen und ihm entgegenzudrängen scheint – die geballte rechte Faust ragt schon aus dem Rahmen in die Gegenwart.

Nachdem die Leihgaben feststanden, lud die Galerie nicht nur Cecily Brown, sondern auch Dana Schutz und Ella Kruglyanskaya ein zu einem „Dialog“ mit Beckmann. Natürlich liegt der Verdacht immer nahe, dass solche Dialoge vor allem dazu dienen, Malerinnen der Gegenwart durch die Nahführung mit sicheren Größen der Kunstgeschichte zu nobilitieren und so die Preise zu steigern. Allerdings: Für Beckmanns „Walküre“ bezahlte der Privatsammler vor ein paar Jahren gut 2,5 Millionen Dollar; Cecily Browns „Confessions of a Window Cleaner“ wurde gerade bei Sotheby’s für 3,6 Millionen Dollar versteigert. Als Markttreiber brauchen die Malerinnen Beckmann also nicht, und das Ergebnis ist auch mehr als eine in Öl gegossene Verbeugung vor dem Meister.

 

Beckmanns „Siesta“ von 1924 – zu sehen ist eine in gelblicher Mittagshitze dösende Quappi auf einem Lager, an dem ein mattgieriger Beckmann lehnt – hängt gegenüber einem Triptychon von Brown, das in seiner Mischung aus Turbulenz, Aufweichung und Zermatschung von Körperfarben eher die Ambivalenz der Geschlechterspiele zu zeigen scheint. Noch deutlicher ist Browns Bezugnahme in ihrem „Return of the Night Terrors“: Sowohl die charakteristische schwarze Konturierung als auch der Torso einer verletzten Rückenfigur lassen auf Beckmanns „Argonauten“ als Vorbild schließen. Auch andere Werke von Brown wirken, als ob sie die ölig schwarzen Konturlinien aus Beckmanns Spätwerk wie melancholische Fäden eingewoben habe.

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Dana Schutz dagegen übernimmt nicht nur ganz offen Motive, sondern auch das intensiv Vollgepackte seiner Bildräume. Ella Kruglyanskaya schließlich macht sich sichtbar lustig über Beckmanns rumpelig kochende Erotik: Wo der Maler eine, na klar, nackte Dicke im Atelier und einen Malerboliden dazu malt, sitzt bei Kruglyanskaya neben einer durchgestrichenen Leinwand eine angezogene Frau, vor der ein jämmerlicher Penistorso herumschwankt. Titel des Bilds: „Untitled/Frustrated“. Es könnte auch heißen: Ich kann hier beim besten Willen keinen Malerfürsten erkennen. (Bis zum 13. Juli. Gemälde von Cecily Brown auf Anfrage um 900.000 Dollar; von Dana Schutz 160.000 Dollar aufwärts; von Ella Kruglyanskaya um 60.000 Dollar.)