Es ist reiner Zufall, dass Nick Goss und ich so viele gemeinsame Erinnerungen an die Shopping Mall* haben und dass ich eingeladen wurde, über seine neuen Bilder zu schreiben, die von diesen bekannten Orten inspiriert sind: eine Rauferei im Suff in der Palace Bowl; Menschengruppen, die auf genau diesen Rolltreppen abhängen; eine Bahn der Bakerloo Line, die auf den Bahnsteig bei Elephant & Castle einfährt, der, fast leer, Raum für ein überraschendes Beispiel von freundlichem Kameradschaftsgeist bietet. Es ist bei den Bildern nicht so wichtig zu wissen, um genau welchen Zug und welches Einkaufszentrum es sich handelt. Aber das, was mit diesem Verkehrskreisel, diesen Straßen geschehen ist, eignet sich hervorragend, um von unserer Zeit und ihren Menschen zu sprechen: von der Stadt als dem Platzhalter für Verlust und Erinnerungen; von Bildern als Todesmasken und tragenden Strukturen. An diesem Verkehrsknotenpunkt werden wir optisch und akustisch mit dem Ende des schamlosen Idealismus der Moderne konfrontiert und mit der neoliberalen Flutwelle, die in den letzten Jahrzehnten Großbritannien kontinuierlich überflutet und auf den Straßen einen zombiehaften Zustand hinterlassen hat – wohl der Grund dafür, dass sich statt der berühmten „stiff upper lip“ ein neuer britischer Affekt par excellence verbreitet hat: eine leichte Verzweiflung, eine feierliche Stille unter dem Trubel. 

Goss’ neue Bilder fangen diesen Affekt ein, aber zu einem abstrakten Distanzgefühl gereift – gegenüber anderen Menschen, Orten und Zeiten …

… In seinen Bildern scheint Goss auf den Modus der Erinnerung abzuzielen – wie sie zu jedem Zeitpunkt zwangsläufig mehr als einen Ort und mehr als eine Logik enthält. Alte Fotografien von niederländischen Landschaften oder Einzelheiten von den wilden Stickereien der schottischen Königin Maria Stuart finden ihren Weg in die Kompositionen – sichtbar durch die Fenster in End of the Line –, um das sehr reale Gefühl zu erzeugen, dass die Wahrnehmung von der Fantasie erweitert wird; eine Erinnerung daran, dass die Welt immer demjenigen gehört, der sie sieht … Ein weiterer solcher Mechanismus ist seine Verwendung von Drucken. In Argument ist der Teppich – übersät von unglücklichen Trinkern, Flaschen, dazu ein Gesicht, als wäre es gespiegelt oder auf dem Cover einer Zeitschrift abgebildet – ein Druck des Teppichs, mit dem der Boden von The Palace Bowl ausgelegt war … So wandern unsere Gedanken und werfen Dinge ab, Überreste lösen sich und machen sich wieder fest. Es geht in der Arbeit um ihre eigenen Bausteine und darum, wie ein Eindruck sofort mit der Fantasie zusammenstößt und eine interne Sprache aus Figuren, Mustern und Farben bildet … Die Bilder sind nicht traurig, aber in ihrer Geräumigkeit und merkwürdigen Stille strahlen sie eine Schwere aus.

… was wir in Goss’ Samples vom Elephant & Castle-Einkaufszentrum sehen, hat es so nie gegeben; jedenfalls nicht wirklich. Sicher, der Reiz dieses Orts als Motiv kommt vom damit verbundenen Abstieg in den Limbus (die Vorhölle) – wie bei allem, was einmal hinterfragt wird, regt sich das Leben. Aber Objekte im Limbus sind transparente Dinge, durch die, wie Vladimir Nabokov schreibt, „die Vergangenheit hindurchscheint“, und die Vergangenheit ist großteils eine Geschichte, die wir uns selbst erzählen …

Wenn die Band Dry Cleaning mein Gedächtnis triggert, dann ist es, weil sie ihre Hörer – ganz ähnlich wie Goss – in Assoziationen einkuschelt, in die Fragmente des Lebens, das wir teilen, herausgerissen aus den Kontexten, die uns voneinander trennen. In der Distanzierung steckt Humor, wie auch in Goss’ Bildern, und hinter dem, was wir sehen, liegt viel mehr verborgen, wie flach oder vergammelt oder vergeblich es auch erscheinen mag. Es hat Spaß gemacht in der Bowling Alley, bis es halt keinen mehr gemacht hat … oder etwa nicht?

Auszüge aus dem Katalogtext von Kristian Vistrup Madsen

* Elephant and Castle Shopping Centre – das erste überdachte Einkaufszentrum Europas öffnete 1965 und wurde 2021 abgerissen.



It is by pure coincidence that Nick Goss and I share so many memories from the shopping centre*, and that I should be invited to write about his new paintings sourced from those familiar spaces: a drunken brawl in The Palace Bowl; crowds loitering on just those escalators; a Bakerloo Line train rolling onto the platform at Elephant & Castle, its near-emptiness facilitating a surprise instance of homely camaraderie. It is not so important to the paintings to know which train, which mall, exactly. Still, the fate of this roundabout, these streets, is particularly well-poised to speak of our time and its people: of the city as a placeholder for loss and memories; of pictures both as death-masks and carrying structures. In this traffic junction we see (and hear) the end of brazen modernist idealism and the neoliberal tidal wave that has continuously flooded the UK over the last decades, leaving the streets undead, and in the place of that famous ‘stiff upper lip’ installed a new British affect par excellence: a light despondency, a solemn stillness under the bustle...

In his paintings Goss seems to aim at the modus of memory; how at any given time it necessarily contains more than one place, more than one logic. Old photographs of Dutch landscapes or details from the wild embroideries of Mary Queen of Scots make their way into compositions – visible through the windows in End of the Line – to create a very real sense that perception is augmented by imagination, a reminder that the world always belongs to the one who sees it. These elements become a kind of harness on reality as it appears in Goss’s works, both a tear in the logic of the painting and a mechanism by which to control it. Another such mechanism is his use of prints. In Argument, the carpet – strewn with unhappy drunkards, bottles, a face as if in a reflection, or on the cover of a magazine – is a print of the carpet that actually lined the floor of The Palace Bowl… The work becomes about its own building blocks, and how an impression instantly collides with fantasy and memory to create an internal language of figures, patterns and colours…

It is from the push and pull between this kind of editing and a heightened sensitivity to the emotional and sensory subtexts of space and time that Goss’s paintings acquire their richness. A strong sense of interiority meets the muffled shouting of the crumbling metropolis...

Goss constructs an only ever creeping but nonetheless robust sense of familiarity through the repetition of clothing, patterns and prints...

...what we glimpse in Goss’s samples from Elephant & Castle shopping centre was never there. Not really. Sure, the allure of this location as motif comes from its descent into limbo – as everything once called into question, it stirs with life. But objects in limbo are transparent things, as Vladimir Nabokov wrote, ‘through which the past shines,’ and the past, in large part, a story we tell ourselves...

When the band Dry Cleaning trigger my memory it is because they cuddle their listener in associations, much like Goss, in the fragments of life that we share, torn loose from the contexts that set us apart. There’s humour in the detachment, as there is, in Goss’s paintings, always something more to what we see, however flat or rotten or wasted it may seem. It was fun at the bowling alley until it wasn’t anymore… Right?

Excerpts from the catalogue text by Kristian Vistrup Madsen

* Elephant and Castle Shopping Centre – the first indoor shopping center in Europe opened in 1965 and was demolished in 2021.