„Eines Tages wirst du blind sein. Wie ich. Du wirst irgendwo sitzen, ganz winzig, verloren im Leeren, für immer im Finstern...Eines Tages wirst du dir sagen: Ich bin müde, ich setze mich, und du wirst dich setzen. Dann wirst du dir sagen: Ich habe Hunger, ich steh jetzt auf und mach mir zu essen. Aber du wirst nicht aufstehen. Du wirst dir sagen: Ich hätte mich nicht setzen sollen, aber da ich mich gesetzt habe, bleib ich noch ein wenig sitzen, dann stehe ich auf und mach mir zu essen. Aber du wirst nicht aufstehen und du wirst dir nichts zu essen machen. Du wirst die Wand ein wenig betrachten und dann wirst du dir sagen: Ich schließe die Augen und schlafe vielleicht ein wenig, danach geht´s besser, und du wirst sie schließen. Und wenn du sie wieder öffnest, wird keine Wand mehr da sein. Die Unendlichkeit der Leere wird dich umgeben, alle auferstandenen Toten aller Zeiten würden sie nicht ausfüllen, du wirst darin wie ein kleiner Kiesel mitten in der Wüste sein.“

Samuel Beckett, Endspiel[1]

 

Es könnte diese Art von Monolog sein, den die Figuren der neuen Bilder von Daniel Richter halten. Eine malerisch große Herausforderung und Neuerung der Bildserie ist, dass Daniel Richter sich hier erstmalig der Einzelfigur widmet. Anders als in den vielfigurigen Großformaten, in welchen Beziehungen zwischen den verschiedenen Protagonisten aufgebaut und durch Komposition vermittelt werden mussten, gibt es hier einen eindeutigen Fokus auf eine Person. Seine häufig als Harlekin verkleideten Gestalten stehen vor Wänden – mit dem Rücken zum Betrachter. Dieses Gestaltungsprinzip ist zwar an die Romantik angelehnt, jedoch schauen sie nicht in eine Landschaft hinein, sondern stehen, knien oder liegen vor Wänden. Pure Hoffnungslosigkeit, oder die Ironie dessen?

Die Gratwanderung, das vielzitierte „Leid der Welt“ ohne Pathos und mit Grazie vorzuführen, wird von wenigen Künstlern vollbracht. Empathie und Wut schreiben sich meist auch formal in die Werke ein. Das Elend ist gerne grau.

Es mag sich paradox anhören, doch man kann behaupten Daniel Richter gelingt dieser Hochseilakt, da er ein existentielles Thema wie die Einsamkeit als eine Matrix nutzt, auf welcher er seine malerischen Problemstellungen verhandelt und vermeintliche Regeln hinterfragt. Wie verhält sich Inhalt zu Farb- und Formgebung? Wie verhält sich die Figur zum Grund, insbesondere wenn der Grund ein kunsthistorisches Zitat darstellt? Wie schaffe ich welches Raumgefüge. Wie funktioniert Abstraktion als Zitat, wie als Dekor bzw. wird sie so zu Dekor?

Zu der Ausstellung seiner neuen Bilder erscheint der Katalog Acht Stunden sind kein Tag.

 


 

[1] Samuel Beckett, Endspiel, Frankfurt 1974, S. 53, 55